Ärzte Woche, 22.3.1995
Dr. Isabella Presch
Manche mögen`s heiß, aber cool ist besser
Nahrung mit mehr als 37 Grad Celsius ist schädlich
Allseits bekannte Risikofaktoren des Menschen sind Übergewicht, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Stress und Bewegungsmangel, aus denen kardiovaskuläre Erkrankungen und Stoffwechselstörungen resultieren. "Kaum bekannt hingegen ist ein ganz anderer Risikofaktor: das Essen und Trinken zu heißer Speisen oder Getränke", sagt Dr. Lütgendorff-Gyllenstorm in seinem neu erschienenen Buch "Risikofaktor Nahrung". Darin beschreibt der Internist die Folgen der Aufnahme von Flüssigkeiten und breiigen Speisen über 37 Grad Celsius. "Speisen mit hohen Temperaturen sind besonders gefährlich, wenn sie ohne Abkühlung durch den Speichel direkt in Pharynx und Magen gelangen", so Lütgendorff-Gyllenstorm.
Mehr Entzündungen
Tatsächlich stellte sich innerhalb der letzten zehn Jahre bei Vorsorgeuntersuchungen in der Krankenfürsorgeanstalt für Bedienstete der Stadt Wien heraus, dass zu heiße Nahrung Verbrennungen ersten oder zweiten Grades an der Rachenschleimhaut verursacht. Bei Bestrahlen mit einer Lichtquelle imponieren diese als Rötung oder als stecknadelkopfgroße Bläschen am weichen Gaumen.
"Als Folge entstehen chronische Schleimhautentzündungen, die die Entwicklung von Tonsillitis, Erkrankungen der Atemwege, Asthma und Allergien fördern. Da die geschädigte Schleimhaut einen guten Nährboden für Bakterien und Viren darstellt, kommt es auch leichter zur Entstehung von Infektionskrankheiten", so der Mediziner und Buchautor weiter. Meist wird die Hitzeschädigung der Mundhöhle und des Rachenraumes durch zu heiße Speisen und Getränke nicht bemerkt. Eine eventuelle Erkrankung erfolgt erst Tage später, sodass der Zusammenhang nicht erkannt wird.v
Temperatur des Essens kontrollieren
Lütgendorff-Gyllenstorm: "Es gilt seit jeher als gesund, möglichst warm zu essen und zu trinken. So wird bei Erkältungen empfohlen, heißen Tee mit Zitrone zu trinken. Typisch ist die uns allen aus der Kindheit wohlbekannte Aufforderung, schnell aufzuessen, bevor das Essen kalt wird."
Die Empfehlung, nichts über 37 Grad Celsius zu essen oder zu trinken, ist, zusammen mit anderen Ratschlägen, Grundlage einer neuen Therapie der geschädigten Schleimhaut des Gaumens und des Rachens. Der Patient wird dazu angehalten, die Temperatur der Speisen und Getränke mit einem Thermometer zu kontrollieren, da die Hitze der Nahrung im Mund stark unterschätzt wird. Als Beispiel nannte Lütgendorff-Gyllenstorm den Kaffee aus dem Automaten: "Dieser benötigt eine halbe Stunde, um von 56 auf 37 Grad Celsius abzukühlen."
| Typisch ist die uns allen aus der Kindheit wohlbekannte Aufforderung, schnell aufzuessen, bevor das Essen kalt wird. Erst abwarten, dann Tee trinken lautet die Devise. |
Saures meiden
Solange die Schleimhaut noch nicht intakt ist, müssen auch zu saure Speisen und Getränke, wie Coca Cola, Früchtetee, Joghurt ebenso wie Orangen und Kiwis, gemieden werden. Dasselbe gilt für Kaltes, Alkohol, scharfe Gewürze, stark gesalzene Speisen und Rauchen. "Insgesamt sind Personen, die nichts über 37 Grad Celsius essen, weniger infektanfällig und entwickeln seltener Inhalations- und Nahrungsmittelallergien. Bei Asthmapatienten konnte nach einer derartigen Änderung des Ess- und Trinkverhaltens ein günstigerer Verlauf beobachtet und die Medikamente deutlich reduziert werden.
Alle Patienten, die in ärztlicher Behandlung stehen, benötigen aber unbedingt weiterhin ihren Arzt, da nur dieser die Verantwortung für die Therapie tragen kann", betonte Lütgendorff-Gyllenstorm. "Der einzige Nachteil dieser nebenwirkungsfreien Therapie ist die notwendige Änderung der Lebensgewohnheiten. Der Einfluss auf Diabetes, Tuberkulose und Immunmangelerkrankungen muss noch untersucht werden", so der Mediziner.
