Der Standard, 6.6.1995
anka
Grippe durch zu heißes Essen
Hohe Temperatur von Nahrung als Risikofaktor bisher unterschätzt
Wenn Sie glauben, dass Sie eine Erkältung mit einer guten Tasse heißen Tee oder einer heißen Suppe auskurieren können, dann irren Sie sich. Zu hohe Temperaturen der Nahrung verursachen chronische Verbrennungen ersten und zweiten Grades der Schleimhäute im Bereich des Gaumens, Rachens, der Speiseröhre und des Magens.
Die Folge: Viren, Bakterien und Allergene befallen die geschädigten Schleimhäute, es entstehen Entzündungen, die wiederum viele andere Krankheiten begünstigen. Das schreibt jedenfalls der Wiener Internist Heinz Lütgendorff-Gyllenstorm in seinem jüngst beim Maudrich-Verlag erschienenen Buch "Risikofaktor Nahrung. Wir essen und trinken zu heiß".
"Nahrung mit mehr als 37 Grad Celsius ist entweder Hauptursache oder ein wichtiger Faktor für die Entstehung vieler Krankheiten wie etwa grippale Infekte, Schnupfen, Bronchitis, Mittelohrentzündung, Infektionen der oberen Speisewege oder Gastritis", erklärt Lütgendorff.
Und in unseren Breiten liebt man offensichtlich heiße Nahrung: Die Temperatur von Suppen beträgt laut dem Internisten bis zu 82 Grad Celsius, bei anderen Nahrungsmitteln durchschnittlich zwischen 55 und 70 Grad Celsius. Schützenhilfe bekommt Lütgendorff-Gyllenstorm vom Vorstand der Hals-, Nasen- und Ohrenabteilungen des Lainzer Krankenhauses, Gerd Zechner: "Zu hastiges Essen zu heißer Nahrung steht am Ursprung zahlreicher Krankheiten."
Laut Lütgendorff-Gyllenstorm verhalten sich nur fünf Prozent der Bevölkerung instinktiv richtig. Die Unterschätzung der Temperaturen von Speisen und Getränken sind die Ursache dafür, dass dieser Risikofaktor noch nicht früher erkannt wurde.
Dem Buch ist auch ein spezielles Thermometer (es enthält kein gefährliches Quecksilber) zum Messen der Speise- bzw. Getränketemperatur beigefügt. Lütgendorff-Gyllenstorm: "Es ist ratsam, von Zeit zu Zeit zu kontrollieren. Denn unbemerkt können sich Temperaturen zwischen 50 und 55 Grad Celsius einschleichen. Diese empfinden wir im Mund nur als warm und dennoch sind sie zu heiß." Da bleibt noch der Trost, dass kalter Kaffee schön machen soll.
