Mein Leben (Organ der Österr. Diabetikervereinigung), 4/97
Mag. Sylvia Wasshuber
"Verbrannter" Schlund - ungesund
Essen wir zu heiß? Internist plädiert für körperwarme Speisen
Auf unsere geliebten Magenwärmer wie den heißen Tee mit Honig sollten wir nach Ansicht eines Wiener Internisten besser verzichten. Er sieht in überhitzten Speisen den Grundstein für viele Erkrankungen.
Durchschnittlich 55 bis 70 Grad warm sind unsere Suppen, Tees und Kaffees, wenn wir sie konsumieren. Der Wiener Internist Dr. Heinz Lütgendorff-Gyllenstorm ist überzeugt, dass wir dadurch unsere Gesundheit ruinieren: "Die Maximaltemperatur von eingenommenen Speisen und Getränken sollte bei 37 Grad, also Körpertemperatur liegen. Höhere Temperaturen führen tagtäglich zu Hitzeirritationen, zu Verbrennungen ersten - und immer wieder auch zweiten Grades - der Schleimhaut in Gaumen, Rachen, Speiseröhre und Magen. Der schützende Schleim wird verflüssigt und fließt ab, was die Schleimhaut trockener und damit zur Eintrittspforte für Viren, Bakterien und Allergene macht."
Durch chronische Entzündung der Gaumen- und Rachenschleimhaut kommt es, so Lütgendorff, zu Folgeerkrankungen wie Entzündung der Rachenmandeln, Erkrankungen der Atemwege, Asthma, Inhalations- und Nahrungsmittelallergien, Kinderkrankheiten, Grippe, usw.
Muttermilch: 37 Grad
Dass unsere Gesellschaft nahezu hysterisch auf mindestens einer - wirklich warmen - Mahlzeit pro Tag besteht und dass bei Erkältung brennheißer Tee geschlürft wird, hält Dr. Lütgendorff für paradox. "Ein voll gestillter Säugling nimmt ausschließlich Nahrung mit Körpertemperatur auf. Kein Mensch käme auf die Idee, das für kalt zu halten."
Nach der Stillzeit verlieren Kinder durch "Umerziehung auf heißes Essen" meist sehr schnell ihren Temperaturinstinkt. Daher solle man unbedingt ein (quecksilberfreies!) Thermometer zur Messung verwenden, da sich die meisten punkto Temperatur eklatant verschätzen.
Dr. Lütgendorff stützt sich auf über zehnjährige klinische Erfahrung an mehr als 3000 Patienten, deren Symptome bei Einhaltung der 37 Grad-Vorschrift und einiger weiterer Empfehlungen (siehe Kasten) rasch abgeklungen seien. Auch einige Asthmatiker und Allergiker seien vollständig geheilt worden.
Zusätzliche Empfehlungen1. Saure Speisen und Getränke weitgehend vermeiden 2. Keine alkoholischen Getränke konsumieren 3. Keine scharfen Gewürze verwenden 4. Nicht stark salzig essen 5. Austrocknung der Schleimhaut vermeiden, z. B. durch Kaugummikauen 6. Nicht rauchen. |
Hitzige Bauchspeicheldrüse
In den nächsten Monaten werden am AKH Wien unter Leitung von Dr. Wolfgang Marktl, Professor am Institut für medizinische Physiologie an der Universität Wien, erstmals die Temperaturverläufe im Körper untersucht. Mittels Kernspintomographie kann nach der Einnahme sehr warmer Nahrung die Temperatur in den einzelnen Körperschichten sehr genau gemessen werden. Hier könnte auch ein auch für Diabetiker interessantes Ergebnis herauskommen. Prof. Marktl: "Durch die anatomische Nähe des Magens zur Bauchspeicheldrüse halte ich es für durchaus plausibel. dass letztere stark überwärmt wird."
Dr. Lütgendorff geht davon aus, dass die Nahrung im Magen nur ein Grad pro Minute abkühlt und der Temperaturabfall pro Zentimeter Entfernung vom Magen nur eineinhalb Grad beträgt.
Prof. Marktl: "Die Überwärmung der magennahen inneren Organe kann aus physiologischer Sicht nicht gut für den Organismus sein. Hitzeempfindliche Enzymprozesse werden in ihrem Ablauf gestört. Vielleicht kommen wir aber auch drauf, dass es sehr schnell zu einem Temperaturausgleich kommt und gar nichts passiert."
Dr. Lütgendorff sieht einen indirekten Aspekt für Diabetiker: "Da bei allen Diabetesformen während Infekten sehr instabile Zuckerwerte auftreten, ist bei Diabetikern die Chance für deren Vermeidung noch wichtiger als für Nicht-Diabetiker." Da das Immunsystem durch Hitze stark beeinträchtigt wird, vermutet Lütgendorff beim Typ 1 einen Zusammenhang mit der Entstehung des Zuckers. Was noch bewiesen werden muss!
Ein großes Ziel von Dr. Lütgendorff ist es, dass z. B. in Kantinen, wo meist schnell gegessen wird, Speisen nicht mehr mit 75 Grad ausgegeben werden müssen, sondern davor auf 37 Grad abgekühlt werden.
| "Höhere Temperaturen führen immer wieder zu Verbrennungen ersten und auch zweiten Grades!" |
