ORF Nachlese, 3/95
Elisabeth Zaunegger und Hademar Bankhofer
Wohltemperiert
Macht zu heiß essen krank?
Besonders in der kalten Jahreszeit haben wir das Bedürfnis, uns mit heißen Getränken und Speisen innerlich aufzuwärmen. Aber jüngste Studien besagen, dass das ganz und gar nicht gesund ist ...
Wer die Suppe zu heiß isst, kann sich nicht nur die Zunge verbrennen - die Schleimhaut in Mund und Rachenraum ist ein sehr sensibles Gebiet und entzündet sich leicht. Außerdem wird bei zu großer Hitze der Schleim dünnflüssig und fließt ab. Dadurch können Viren und Bakterien ungehindert in die zarte Haut eindringen.
Univ.-Prof. Dr. Gerd Zechner, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten: "Die Mundhöhle und der Rachen sind jene Körperöffnungen, wo der Mensch durch eigenes Zutun am intensivsten und ungeschütztesten mit seiner Umwelt in Kontakt kommt. Dort sitzen körpereigene Abwehrsysteme, zum Beispiel die sogenannten Mandeln; dort sitzen Drüsen, die Speichel, aber auch Schleim produzieren; dort sind viele Lymphknoten in der Umgebung versammelt. Wenn man nun dort eingreift durch zu heiße oder zu kalte Nahrung, wenn man durch verschmutzte Dinge Keime in den Organismus einbringt, dann wird er grimmig gestört."
Dr. Heinz Lütgendorff-Gyllenstorm, praktischer Arzt: "Unsere Körpertemperatur beträgt siebenunddreißig Grad. Und wir sollten auch nicht heißer essen, denn in der Natur ist keine heiße Nahrung vorgesehen. Kinder haben noch ein Gefühl dafür und lehnen heißes Essen ab. Aber es wird ihnen immer gesagt: Iss weiter, sonst wird alles kalt! Und mit der Zeit gewöhnen sie sich daran, dass man eben heiß isst, und machen die gleichen Fehler wie die Erwachsenen."
| Wenn die Speisen auf den Tisch kommen, sollten sie zumindest auf Körpertemperatur abgekühlt sein ... |
Eine Hilfe, das natürliche Gefühl für die richtige Esstemperatur in kurzer Zeit wieder zurückzugewinnen, ist das Messen der Speisen, zum Beispiel mit einem Alkoholthermometer. Auf keinen Fall darf ein Fieberthermometer verwendet werden! "Warmes " Essen ist im Durchschnitt fünfundfünfzig bis siebzig Grad heiß! Wer da nicht geduldig wartet, bis es lauwarm ist, riskiert eine Entzündung oder gar eine Verbrennung.
Dr. Lütgendorff-Gyllenstorm: "Und das greift dann um sich wie ein Flächenbrand: Die Entzündung geht hinauf Richtung Nase, Nasennebenhöhlen und hinunter Richtung Kehlkopf, Luftröhre und Bronchien sowie Lunge."
Außerdem können auch die Gebiete auf dem Weg der Nahrung erfasst werden - vom Mund bis hin zum Magen. Ist die Schleimhaut bereits entzündet, wie etwa bei einer Verkühlung, dann soll - laut einer neuen Studie - auch Tee mit Zitrone nicht günstig sein. Auch Fruchtsäure, Alkohol und scharfe Gewürze sollte man dann meiden.
