Tiroler Tageszeitung

 

Tiroler Tageszeitung, 9.3.1995

Christa Hofer

Speisen mit mehr als 37 Grad Celsius führen zu Verbrennungen des Gaumens und Rachens - Krankheiten als Folge

Neuer Risikofaktor: heiße Nahrungsmittel

Wien: Übergewicht, übermäßiger Alkoholgenuss, Bewegungsmangel, hoher Blutdruck und Stress gehören zu den bekannten Risikofaktoren für die Gesundheit des Menschen. Für Verblüffung sorgt nun ein Wiener Internist, der einen weiteren Risikofaktor entdeckte - zu heiße Nahrung. Wie Dr. Heinz Lütgendorff-Gyllenstorm, der seit 17 Jahren bei der Wiener Krankenfürsorgeanstalt arbeitet, erklärt, besteht ein direkter Zusammenhang zwischen zu heißer Nahrung und Erkältungskrankheiten.

Klinische Erfahrungen bei Vorsorgeuntersuchungen, bei denen in den letzten zehn Jahren etwa 3000 Patienten auch auf ihre Essensgewohnheiten hin befragt wurden, ergaben, dass Nahrungsmittel, deren Temperatur über 37 Grad Celsius liegt, bei einigen wichtigen Krankheiten einen begünstigenden oder sogar auslösenden Faktor darstellen. So können Entzündungen, bei denen vor allem die Gaumenbögen und die hintere Rachenwand betroffen sind, zahlreiche Krankheiten auslösen, da die betroffenen Bereiche eine ideale Angriffsfläche für Viren und auch Bakterien bilden.

"Als Therapie bei Gaumen- und Rachenentzündungen", so Dr. Lütgendorff-Gyllenstorm, wird noch heute empfohlen, kalte Getränke und Speisen zu vermeiden, viel zu trinken, Vitamin C zu nehmen, kalte Luft zu meiden und heißen Tee mit Zitrone bzw. heiße Milch mit Honig zu trinken." Allerdings zeigte sich bei den Gesundenuntersuchungen immer wieder, dass diese Ratschläge nicht richtig helfen. Auf der Suche nach der Fehlerdquelle stieß Lütgendorff auf die heißen Getränke. Diese wirken sich etwa bei Entzündungen der Magenschleimhaut (Gastritis) nachteilig aus. Warum sollten sie also bei Entzündungen des Rachens positiv wirken? Temperaturmessungen von Speisen und Getränken in Restaurants aber auch in Werksküchen ergaben schließlich, dass diese oft weit über 37 Grad Celsius liegen. Lütgendorff: "Suppen werden mit bis zu 82 Grad, Getränke mit bis zu 79 Grad Celsius serviert und durchschnittlich 55 bis 70 Grad Celsius konsumiert." Temperaturen, die viele nicht glauben wollten.

Diese hohen Temperaturen führen zu ständigen Hitzeirritationen der Gaumen- und Rachenschleimhaut. Die Verbrennungen können dabei ersten und sogar zweiten Grades sein. Geschädigt wird dadurch auch die Schleimhaut der Speiseröhre und sogar des Magens. Die Folgen, erklärt Lütgendorff weiter, sind neben chronischen Entzündungen der Gaumen- und Rachenschleimhaut, auch Entzündungen der Rachenmandeln, Erkrankungen der Atemwege und Grippe. Die Empfehlung, zu heiße Nahrung zu vermeiden, bildet deshalb - zusammen mit den anderen Ratschlägen (zum Beispiel vitaminreich zu essen) - die Grundlage für die Therapie der geschädigten Gaumen- und Rachenschleimhaut. Dadurch werde, so Lütgendorff, auch eine Verbesserung bei den Folgekrankheiten erreicht.

Der Grund, warum Hitzeschädigungen überhaupt auftreten können, liegt offensichtlich daran, dass der Mensch die im Babyalter vorhandenen Abwehrmechanismen im Laufe der Zeit abbaut. Lütgendorff: "Wir empfinden etwa eine Flüssigkeit mit der Temperatur eines heißen Badewassers im Mund nur als lauwarm."

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